
Heilige Quellen - Notre Dame des Fontaines
Frankreichs Ritualquellen, Heilige Brunnen und Heilwässer
Ein erster Überblick für Eilige
Wer sich für Ritualquellen und Heilwasser interessiert, landet schnell bei Frankreich. Das Land verfügt aufgrund seiner hydrogeologischen Voraussetzungen über zahlreiche natürliche Thermal- und Mineralquellen, die zur Blütezeit der europäischen Bäderkultur (18. bis frühes 20. Jahrhundert) in über hundert Kurorten therapeutisch genutzt wurden. Viele von ihnen tragen heute den Zusatz „les-Bains“, „Bagnères-de“ oder „Thermes“ im Namen. Obwohl die Konzerne Danone und Nestlé mit ihren Mineralwässern wiederholt in die Schlagzeilen geraten sind und Chargen von Volvic und Perrier zurückziehen mussten, nimmt die französische Mineralwasserindustrie einen Spitzenplatz in Europa ein.
Viele der Quellen wurden schon von den Römern genutzt, die das Land mit den Gallischen Kriegen (58–51 vor Christus) vollständig besetzten, ihm die Schrift und einen technisch hoch entwickelten Wasserbau brachten, von dem heute noch zahlreiche Relikte zeugen. In religiösen Angelegenheiten waren die Besatzer pragmatisch und die Kelten konnten ihre überbrachten Rituale auch an Quellen weiterführen. Im Lauf der Zeit verschmolzen die Kulte zu einem gallo-römischen Konglomerat (TU Cottbus, AG Wassertechnik, Heft 25), das nach einem jahrhundertelangen zähen Ringen schließlich dem Christentum weichen musste. Mit dem Untergang des römischen Reichs kam die Nutzung der Heilquellen fast vollständig zum Erliegen und die Kulte an den Ritualquellen zogen sich ins Verborgene zurück, weil sie von der Kirche als „heidnisches Treiben“ bekämpft wurden. Entsprechend arm an Zeugnissen ist die Folgezeit.
Erst im zwölften Jahrhundert gab die Kirche dem Wasser schließlich eine christliche Deutung und kanalisierte die Quellenverehrung in Form der christlichen Wunderheilung. In den folgenden Jahrhunderten verweltlichte der Klerus vielerorts - Ämterkauf, Ablasshandel, Heiligen- und Reliquienkult, Wunderglaube und Wallfahrtswesen beschworen die Reformation herauf. Anders als in Deutschland, wo die meisten dieser Bräuche in den reformierten Kleinstaaten dauerhaft verschwanden, konnte sich der Calvinismus in Frankreich langfristig nicht durchsetzen. Vor allem in der Landbevölkerung war das alte Brauchtum tief verankert, sodass es auch in zwischenzeitig reformierten Gebieten bald wiederauflebte.
Mit der Landflucht, dem Zugang auch der ländlichen Bevölkerung zur modernen Medizin, mit dem Rückgang von Aberglauben und religiösen Praktiken nahm das Interesse an den alten Wunderbrunnen ab. Ähnlich wie die Lavoirs (Waschhäuser) in den Dörfern, an denen die Frauen gemeinschaftlich gewaschen hatten, verwaisten die Wunderquellen in den 1950er-Jahren und drohten in Vergessenheit zu geraten. Glücklicherweise besannen sich viele Regionen in der Folgezeit aber auf ihr kulturelles Erbe und auch entlegene Kommunen wollten mit ihren Heiligen Quellen, Waschhäusern und historischen Brunnen am auflebenden Tourismus teilhaben. Schließlich machte das Internet die umfangreich gesammelten Informationen zugänglich und animierte viele Menschen, sich selbst auf die Suche nach Relikten der Vergangenheit zu begeben und ihr Wissen zu Quellen, Brunnen und Lavoirs in Blogs zu teilen.
Das Interesse an Wasser und Heiligen Quellen hat während der letzten Jahrzehnte in ganz Europa zugenommen. In Frankreich ist es heute fast noch lebendiger als in den katholischen Gebieten des Alpenraums (Fachartikel Heilige Quellen in Oberösterreich) oder auf der iberischen Halbinsel, die kaum von der Reformation berührt worden war. Allein im Departement Landes (Wikipedia, übersetzt) - einst Hochburg des Calvinismus - sind über 250 Heilige Quellen belegt, für ganz Frankreich mehr als 2.000. In Teilen der westlichen Departements Bretagne, Pays-De-La-Loire und Nouvelle-Aquitaine liegen sie so dicht beieinander, dass man an einem Tag mehrere fußläufig erreicht. Auf der Carte des Fontaines des Landes sind Hunderte von ihnen verortet, mit Fotos versehen und beschrieben. Zum Teil erhält man Infos zu Wasserbeschaffenheit, Heilqualität und Legenden. Fontaines de France stellt über 3.300 historische Brunnen vor, leider oft mit vagen Ortsangaben, trotzdem ein wahrer Schatz.
Leider hat das auch Begehrlichkeiten geweckt. Viele der wunderbaren alten Heiligenfiguren wurde von ihren Quellen auf den Kaminsims wohlhabender Sammler „gebeamt“ und ihre Nischen stehen heute leer oder es wurden Marienstatuen aufgestellt.

Fontaine Saint Jean (48.4031, -3.963383) bei Commana, Bretagne
Quellenkult als Ausdruck der Weltanschauungen
In der animistischen Weltdeutung sind die Wirkkräfte der beseelten Natur eng miteinander verwoben und sie beeinflussen sich gegenseitig. Das Wesen des Platzes, an dem eine Quelle aus der Erde tritt, beeinflusst das Wasser, das wiederum wirkt auf den Platz. Seltene Naturphänomene und mystische Orte deuten in besonderer Weise auf die Anwesenheit von Gottheiten und Naturwesen hin und werden genutzt, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Die tradierten Rituale werden von Priestern oder Schamanen ausgeübt, die als Eliten über besondere Fähigkeiten verfügen, altes Wissen tradieren und neues schaffen. So können sie Einfluss auf Naturkräfte nehmen und sie harmonisieren, sie können wahrsagen und nehmen Einfluss auf wichtige Entscheidungen ihrer Stämme. Man kennt zwar Tempelbauten aus dieser Zeit, überwiegend wurden die Rituale aber vermutlich in freier Natur durchgeführt.
Wasser wird mit Attributen wie Fruchtbarkeit, Geburt, Heilung, Fürsorge, Kreativität, Unterbewusstsein und Wandel den weiblichen Kräften zugeordnet. In der Mythologie wachen Feen, Nymphen, Undinen, Nornen oder Najaden über die Quellen, deren Wasser dem Schoß der Erdmutter entspringt. Über die stürmischen Meere herrschen hingegen männliche Götter: der nordische Ägir, Tangaroa bei den Moari, Poseidon und Okeanos bei den Griechen oder Neptun bei den Römern. Der hohe Stellenwert des Wassers bei den Kelten kommt in den rund 70 (von insgesamt geschätzt 500) Gottheiten zum Ausdruck, die mit ihm in Verbindung standen.
Wegen ihrer stark reinigenden Kraft besaßen Quellen bei kultischen Handlungen und Heilungen einen besonderen Stellenwert. Nicht zufällig haben die Worte „heilig“ (dem Göttlichen zugehörig) und „heilen“ (Beseitigen einer gesundheitlichen Störung) etymologisch die gleiche Wurzel. Gesundung ist eng mit der Kraft des Glaubens und der Rituale verbunden, die auch von Priesterinnen zelebriert worden sein dürften. Vermutlich wurde die Heilkraft von Quellen auch ohne priesterlichen Beistand genutzt. Jedenfalls war dabei aber eine magische Komponente im Spiel, wie man es bis heute von animistischen Religionen kennt.
Diese enge Verflechtung von Ritual und Heilung begann mit der Besetzung Frankeichs durch die Römer aufzuweichen. Deren Religion war eher pragmatisch. Manche hohen politischen Amtsträger fungierten zugleich als Priester und die Quellrituale wurden auf eine staatstragende Funktion zugeschnitten. Die „Interpretatio Romana“ verpflichtete die Kelten zwar zur Verehrung der römischen Staatsgötter, sie konnten ihren eigenen Göttern aber weiterhin huldigen. Wie von der griechischen Götterwelt bekannt, wurden auch keltische Gottheiten mit römischen verbunden: Grannus und Bormo mit Apollo, Bolvinnus mit Mars, Belisama mit Minerva, Sirona als Götting der Heilung mit der griechischen Göttin Hygieia, der Tochter des Heilgottes Asklepios. Die Quelle der Seine (47.486 ,4.71693) war Sequana geweiht, einer der bekanntesten gallo-römischen Göttinnen. In diesem sakralen Potpourri hatten die Weltsicht und die Kulte der Druiden zwar weiter Bestand, vor allem in den sich neu entwickelnden Städten büßten sie aber zunehmend an Bedeutung ein.
Ähnlich bedeutsam wie dieser religiöse Wandel war die Einstellung der Römer zu Wasser. Als Meister des Wasserbaus statteten sie ihre Städte mit Trinkwassernetzen und Abwasserkanälen aus – für sie Ausdruck der Überlegenheit ihrer Zivilisation. Sie brachten ihre Bäderkultur nach Frankreich und errichteten Dutzende Thermen und Heilbäder, auf die selbst der einfache Legionär Anspruch hatte und in denen es denkbar profan zuging. Für manche der neuen Einrichtungen wurden Wässer von alten Ritualquellen genutzt. Die medizinische Hydrotherapie trat damit auch in Frankreich neben die überlieferten Heilrituale.
Einen noch gravierenderen Einschnitt bedeutete das Christentum mit seinem transzendenten Gott, der außerhalb der erfahrbaren materiellen Welt steht. Gott und seine Schöpfung wurden gewissermaßen voneinander getrennt - für die Menschen damals ungewohnt abstrakt. Schon gewannen die Heiligen als greifbare Vorbilder im Glauben und Fürsprecher zwischen Mensch und Gott große Bedeutung. Alleine in der Bretagne, die früh von iro-schottischen Mönchen missioniert wurde, soll es der Legende nach 7.777 Heilige gegeben haben.

Darstellung des christlichen Kosmos zur Zeit der Romanik
Einziges Wasserritual des Christentums war zunächst das Sakrament der Taufe, einerseits Symbol für die Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche, andererseits ein Reinigungsprozess, wie ihn fast alle Religionen kennen. Die Quellenverehrung wurde als Teufelswerk verdammt, zumal viele Christen an den alten Ritualquellen noch zur Jahrtausendwende die alten heidnischen Bräuche pflegten. Als die Kirche der „daseinsspendenden Kraft des lebendigen Wassers“ (Johannes 4:1 - 42) im zwölften Jahrhunderte schließlich eine christliche Deutung gab, wurde die Quellenverehrung in Form der Wunderheilung kanalisiert, die eng an die Kraft des christlichen Glaubens gebunden war.
Die moderne Welt schließlich sucht nach rationalen, evidenzbasierten Erklärungen und die Heilkraft von Wasser wird gleichsam als Konsumgut angeboten. Wo Wasser trotz unauffälliger chemischer und physikalischer Eigenschaften Heilerfolge bewirkt, greift der Placebo-Effekt. Klinische Studien (UK Freiburg) zeigen, dass Placebos selbst dann Besserung bringen können, wenn Probanden bewusst wirkstofffreie Pillen einnehmen. Es wird vermutet, dass schon allein die Rituale von Verabreichung und Einnahme des Placebos die Selbstheilungskräfte stimulieren - womit sich der Kreis zu den Schamanen schließt, die schon früh um die Macht starker Rituale wussten.
Wodurch zeichnen sich Ritualquellen und Heilige Quellen aus?
Die spärlichen Kenntnisse zur ihrer früheren Nutzung machen es zumeist schwierig, Quellen heute eindeutig zuzuordnen. Viele liegen in unzugänglichen Gebieten und waren früher allenfalls der lokalen Bevölkerung bekannt, die das Wasser für sich und ihre Tiere nutzte. Nur für die wenigsten Quellen gibt es weit zurückreichende Überlieferungen oder archäologische Funde, die etwas über ihre Vergangenheit preisgeben. Und selbst dann bleibt die Spurensuche schwierig. Handelt es sich um eine Ritualquelle, die schon in prähistorischer Zeit und/oder der Antike genutzt wurde, wurde sie später christianisiert und so zur Heiligen Quelle „umfunktioniert“, wurde sie nach einer „Wunderheilung“ von der lokalen Bevölkerung vielleicht erst in der Neuzeit zur Heiligen Quelle erkoren? Handelt es sich vielleicht um eine medizinisch genutzte Quelle, die niemals sakralen Charakter besaß?
Auch die vielfältigen Bezeichnungen der französischen Sprache geben selten Hinweise auf die frühere Nutzung. Während im deutschsprachigen Raum durchgängig von Heiligen Quellen, Augenbrunnen oder kurz Bründln (Bayern und Österreich) gesprochen wird, differenziert die französische Sprache in Fontaine Légendaire (Legendenbrunnen), Fontaine Votive (Votivbrunnen), Fontaine Guérisseuse (heilender Brunnen), Fontaine Miraculeuse (Wunderbrunnen), Bonne Fontaine (Guter Brunnen), Fontaine de Dévotion (Andachtsbrunnen). Zahlreiche Bezeichnungen zwar, die häufig allerdings synonym gebraucht werden.
Macht man sich auf die Suchen nach diesen Quellen, so stellt sich bei mancher die Frage, weshalb frühere Generationen sie zum Heiligtum erkoren haben. Sie liegen inmitten monotoner landwirtschaftlich oder gewerblich genutzter Flächen, machen einen tristen Eindruck, die Quellbecken sind voller Algen, das Wasser ist ungenießbar. Manche sind ganz versiegt, was Folge von Grundwasserabsenkungen und Baumaßnahmen sein kann, aber auch von geologischen Änderungen im Untergrund. Die Abertausende Heiliger Brunnen in ganz Europa, die ihren ursprünglichen Charakter bewahren konnten, präsentieren sich mit sehr unterschiedlichem Charakter, wofür Frankreich die besten Beispiele liefert.
Magische Quellplätze – und weniger magische
Ritualquellen aus vorchristlicher Zeit findet man überwiegend in bewaldeten Gegenden, mitunter schwer zugänglich, umgeben von majestätischen Bäumen und markanten Felsen – magische Plätze, die im Animismus eine besondere Nähe der Naturgottheiten offenbaren. Ein anschauliches Beispiel ist der Druidenhain östlich von La Garde-Adhémar, wo aus einer Felsspalte eine Karstquelle (44.39425, 4.77456) entspringt. Die Römer weihten sie den Müttern der Nymphen, ab dem vierten Jahrhundert wurde auf den Ruinen des heidnischen Tempels eine christliche Kapelle gebaut, die zum beliebten Wallfahrtsort wurde. Aus einer prähistorischen wurde eine gallo-römische Ritualquelle, aus dieser wiederum eine christliche Heilige Quelle.

Quelle der Nymphen bei La Garde-Adhemar
Das Landschaftsbild änderte sich im Lauf der Zeit allerdings grundlegend. Viele der geheimnisvollen Wälder Frankreichs mussten landwirtschaftlichen Nutzflächen weichen. Die Bretagne, in der Jungsteinzeit noch fast vollständig bewaldet, war schon in der Antike durch Rodung zerstückelt. Mit dem weiteren Bevölkerungswachstum entstanden zahlreiche neue Siedlungskerne und Klöster, sodass auch die Zahl der von Menschen genutzten Quellen zunahm. Es wird geschätzt, dass vor den verheerenden Pestwellen ab 1348 bereits 15-20 Millionen Menschen im Gebiet des heutigen Frankreichs lebten.
Zu Beginn der Christianisierung dürfte die Zahl an Ritualquellen noch vergleichsweise gering gewesen sein. Trotz kirchlicher Sanktionen wurden viele von ihnen noch über Jahrhunderte aufgesucht, was vermutlich dem tiefen Bedürfnis der Menschen entsprang, sich in überlieferter Weise mit den Kräften der Natur zu verbinden. Die keltischen Missionare aus Irland und Schottland, die in nur losem Kontakt zur Kirche standen und die von der Bevölkerung oft als Heilige verehrt wurden, standen den alten Ritualquellen hingegen offen gegenüber. Sie ließen sich an ihnen nieder, tauften mit ihrem Wasser und bauten an oder über ihnen Kapellen. Und es waren Eremiten, die sich in großer Zahl an geheimnisvolle Naturplätze und Quellen zurückzogen, um hier abgeschieden zu leben. Saint Antoine de Galamus etwa wählte im siebten Jahrhundert eine Felshöhle über der beeindruckenden Galamus-Schlucht, die mit ihrer Quelle (42.838017, 2.481) später zum christlichen Wallfahrtsort wurde.

Ermitage Saint-Antoine de Galamus
Die neuen Kult- und Andachtsstätten des Christentums waren hingegen von Menschenhand errichtet und sie wurden als sichtbare Zeichen des neuen Glaubens bewusst ins direkte Lebensumfeld der Menschen gerückt. In den Ortschaften entstanden Kapellen, an den Wegen wurden steinerne Kreuze und andere christliche Symbole errichtet, zumeist einem Heiligen geweiht, den man hier jederzeit um Fürbitte anrufen konnte. Hinweise auf neue christliche Brunnen gibt es aus dieser Zeit kaum. Sie tauchten erst auf, seit in den 1580er-Jahren der Marienkult Einzug in den Katholizismus hielt. Allein in der Bretagne wurden der Gottesmutter in der Folgezeit weit über hundert Quellen geweiht, manche von ihnen umgewidmete Andachtsbrunnen von Heiligen, andere auch neue Wunderbrunnen.
Das alte Wissen um die Kraft von Naturplätzen scheint in Teilen überdauert zu haben. Die Steinmetze der mittelalterlichen Dombauhütten gaben ihm Raum und Form. In grandiosen gotischen Kathedralen wie der von Chartres, bei vielen Klöstern und Kirchen lässt es sich bis heute erahnen. Manchen der neuzeitlichen Quellplätze fehlt die Magie der alten Druidenquellen hingegen. Man hat den Eindruck, dass für die Nähe zu den Siedlungen eine gewisse Trivialität der Andachtsplätze in Kauf genommen wurde. Die Natur war zwar gerade im bäuerlichen Alltag noch überaus präsent, sie hatte aber ihren göttlichen Charakter verloren. Die Gebete um gute Ernten, gegen Hagel und Feuersbrünste wurden an kirchliche Schutzpatrone und Nothelfer gerichtet.
Heilige Wässer und Heilwässer
Neben dem Quellplatz spielte die Eigenschaften des Wassers eine entscheidende Rolle, wenn Quellen für Rituale und/oder zur Heilung auserkoren wurden. Man weiß von Tieren, die bestimmte Quellen über Generationen aufsuchen, um Mineralien aufzunehmen, sich mit Schlammbädern von Parasiten zu befreien oder Wunden zu kurieren. Hundehalter wundern sich, welches Wasser ihre Vierbeiner am liebsten trinken und Insekten kennen das Wasser, mit dem sie ihren Mineralienbedarf decken können. Auch die frühen Menschen hatten eine ausgeprägte sensitive Wahrnehmung der Natur. Es scheint, dass zumindest ihre Priester die Qualitäten von Wasser sicher zu bestimmen wussten. Artefakte etwa zeigen, dass Quellen mit einem therapeutisch wirksamen Radongehalt schon in prähistorischer Zeit genutzt wurden, obwohl das radioaktive Edelgas sensorisch nicht wahrnehmbar ist.
Seltene Naturphänomene wurden ehrfürchtig wahrgenommen. Quellen etwa, deren klares Wasser Kieselsteine hellgrün mit ziegelroten Sprenkeln färbt, wie die Fontaine Miraculeuse (45.424556, 4.759083) in Saint-Alban-du-Rhône. Noch im 17. Jahrhundert wurde sie deshalb zu den „sieben Wundern der Dauphine“ (Mairie de Saint Alban du Rhône) gezählt. Quellen, die versiegten und wieder erschienen, unter der Erde gluckernde Geräusche erzeugten, Bröller oder Geysire, die wie aus dem Nichts riesige Fontänen spuckten, Sturzquellen an steilen Felswänden oder gar Quellschüttungen, die mit den Tageszeiten wechseln, wie an der beeindruckenden Kapelle Notre Dame des Fontaines bei La Brigue. Allerdings sind solche Besonderheiten bei den alten Ritualquellen relativ selten. Auffallend ist hingegen, dass sie - in Frankreich wie in ganz Europa - sehr häufig artesisches Wasser führen, besonders reines Tiefenwasser also. Ihm wurde eine besonders starke reinigende Kraft zugesprochen, was bei Kulthandlungen und schamanischen Heilungsritualen indigener Völker bis heute von großer Bedeutung ist.
Möglicherweise haben die Menschen diese sensitive Wahrnehmung von Wasser verloren, als die Nutzung von Heilwässern in nachrömischer Zeit zum Erliegen kam und der Quellenkult für Jahrhunderte in der Versenkung verschwand. Um auffallend viele Heilige Quellen aus der Neuzeit rankt sich jedenfalls die Legende, Menschen hätten ihre heilsame Wirkung den Tieren abgeschaut. Von anderen wird erzählt, sie hätten ihre Heilkraft durch das Eintauchen von Heiligenfiguren erhalten, es seien auf wundersame Weise Marienstatuen erschienen, Kranken sei in ihren Träumen die Heilkraft von Quellen offenbart worden usw.
Besonders interessant ist eine Legende, wonach Bischof Lambert von Arras am Pfingsttag des Jahres 1105 beim ersten Hahnenschrei die Muttergottes erschien und ihm eine brennende Kerze übergab. Sie trug ihm auf, das Wachs der Kerze in Wasser tropfen zu lassen. Die Legende erzählt von Kranken, die dieses Wasser im Glauben und Vertrauen auf ihr Wort und ihre Güte tranken und tatsächlich soll es zu vielen Wunderheilungen gekommen sein. Mit nur wenigen Tropfen des Wachses dieser wundersamen Kerze wurden dann zwanzig weitere Kerzen hergestellt, deren Kraft zwischen 1105 und 1720 in verschiedenen Pfarreien wirksam geworden sei. Das erinnert an eine Praxis heutiger Wallfahrer, die Marienheiligtümer mit sogenanntem Lichtwasser besuchen: Sie „informieren“ ihr Leitungswasser zuhause mit wenigen Tropfen des Heiligen Wassers.
Aus Sicht ihrer chemischen und physikalischen Parameter weist das Wasser einer ganzen Reihe von prähistorischen Ritualquellen Eigenschaften auf, die bis heute in der Balneologie genutzt werden: es ist eisen-, schwefel- oder salzhaltig, leicht radioaktiv oder thermal. Von den heute noch rund 50 französischen Heilbädern haben sich einige der bekanntesten aus Quellen entwickelt, die schon in vorchristlicher Zeit rituell und/oder zu Heilzwecken genutzt wurden, wie in Dax, Vichy, Aix-les-Bains oder Bourbonne-les-Bains, das nach dem Gott Borvo (Wikipedia) benannt ist, dem gallischen Wächter über Heil- und Thermalquellen. Zur Geschichte der meisten Mineral- und Thermalquellen gibt es belastbare Fakten erst seit dem Entstehen der neuzeitlichen Kurbäder (Liste). Heute werden auch die Thermen Frankreichs nicht mehr aus Quellen gespeist, sondern aus Tiefenbohrungen.
Seit Ende des 18. Jahrhunderts wurden Mineral- und Thermalquellen auch für den Betrieb mancher Lavoirs genutzt, wie das heiße Schwefelwasser von Vernet-les-Bains (Waschhaus) oder das Thermalwasser von Alet-les-Bains (43.000417, 2.252417), das bei Typhus und anderen Magen-Darm-Erkrankungen als hilfreich galt. Nachdem fehlende Kanalisationen zu Cholera-Epidemien mit unzähligen Toten geführt hatten und das Problem der mangelnden Wasserhygiene erkannt worden war, entstanden im 19. Jahrhundert tausende Waschhäuser, an denen die Frauen gemeinschaftlich wuschen und sich austauschten. In manchen ländlichen Regionen Frankreichs bestimmen sie bis heute das Ortsbild.

Lavoir von Vernet-les-Bains
Wurden Lavoirs an Heiligen Quellen errichtet, blieb der sakrale Charakter des Wasseraustritts zumeist erhalten und die Frauen konnten nach dem Waschen ihre Gebete sprechen. An der gallo-römischen Ritualquelle beim Ort Braux-le-Châtel (48.100028, 4.939917) war bereits im Mittelalter ein Waschhaus errichtet worden und die uralte Kultquelle Saint-Martial (45.809083, 3.057556) in Nohanent speiste bis in den 1920er-Jahren insgesamt sechs Lavoirs. Auch die Schwefelquelle Fontaine Saint-Martin (46.729611, 0.017333) südlich von Doux, an der Sankt Martin im vierten Jahrhundert auf einer Missionsreise Halt gemacht haben soll, um sein Pferd zu tränken, erhielt ein Waschhaus. Die Quelle galt als heilsam bei Augenkrankheiten, sofern man ihr Wasser vor Sonnenaufgang trank und dabei nicht sprach.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Ritualquellen und Heilwasserquellen liegt bei ihrer Nutzung. Balneologische Quellen wurden mit den römischen Thermen breiten Schichten der Bevölkerung zugänglich, die sie als Orte der Entspannung, Geselligkeit und der sexuellen Begegnung nutzte. In den mondänen neuzeitlichen Kurbädern (Fachartikel Bäderdreieck) trafen sich die europäischen Eliten (Bedeutende Kurstädte Europas), um dort oft über Monate ihre gesellschaftlichen Kontakte zu pflegen. Währenddessen vergnügte sich die einfache Bevölkerung vor allem im Alpenraum in schlichten Bauernbädern (Thermen), in denen es ähnlich deftig zuging wie in den Thermen der Römer. Sie alle können als Vorläufer des heutigen Wellness-Tourismus gelten.
Quellrituale
Im Gegensatz zur profanen Nutzung von Heilwässern ist der Besuch Heiliger Quellen seit jeher eng mit dem Transzendenten verbunden, oft auch unter der Ausübung bestimmter Rituale. In keltischer Zeit stellten Druiden mit deren Hilfe den Kontakt zu göttlichen Wesenheiten her, empfingen Botschaften aus der Anderswelt und führten Heilungen durch. Das Neuheidentum beruft sich mit einem breiten Spektrum an Ritualen heute auf diese Naturreligionen, auch wenn wir nicht wirklich viel gesichertes Wissen über diese schriftlose Zeit haben.
Im antiken Griechenland und seinen Kolonien pilgerten die Menschen von weither, um sich an der Kastalischen Quelle in Delphi (38.483, 22.5053) und anderen Heiligen Quellen Reinigungsritualen zu unterziehen und von Priesterinnen das Orakel befragen zu lassen. In römischer Zeit wurden Quellkulte der Etrusker wie aus dem gesamten Imperium Romanum einschließlich Kleinasiens übernommen und die Praktiken an die Erfordernisse einer Staatsreligion angepasst. Dabei wurde auch einer Vielzahl von Gottheiten mit nur lokaler Bedeutung gehuldigt.
Als sich die Quellenverehrung nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs wegen der Haltung der Kirche bis weit ins Mittelalter im Verborgenen abspielte, übernahm der Volksglaube die Regie. Als sich der Katholizismus im zwölften Jahrhundert den Heiligen Quellen schließlich zuwandte, war über die Jahrhunderte ein Geflecht aus Heilungsritualen und magischen Praktiken, Legenden und Aberglauben entstanden. Das heidnische Erbe hatte sich mit christlichen Inhalten verbunden. Bei manchem der heute praktizierten Rituale lässt sich kaum noch bestimmen, ob sie einen heidnischen oder christlichen Ursprung haben.
So etwa wird in Frankreich der Brauch gepflegt, ein Tuch mit Quellwasser zu tränken und auf erkrankte Körperstellen zu legen, um das Gebrechen auf das Tuch zu übertragen. Danach wird es in der Nähe befestigt und niemand darf mit ihm in Kontakt kommen, damit die Krankheit nicht auf andere übergeht. Eine Parallele findet der Brauch in Skandinavien, wo der Tonbecher, aus dem getrunken wurde, über die linke Schulter nach hinten geworfen und zerbrochen wird. Auch der Lumpenbaum (Wikipedia), den Christentum wie Islam kennen, ist mit der Praktik verwandt.

Fontaine Saint Girons (43.941083, -0.717333) (www.sudouest.fr/landes/en-images-les-fontaines-miraculeuses-des-landes-7701719.php)
Über alle Religionen und Kulturkreise hinweg ist die Nutzung von Ritualquellen durch eine Reihe von Gemeinsamkeiten gekennzeichnet:
- Die innere Einstellung und die Kraft des Glaubens entscheiden darüber, ob das angestrebte Ziel erreicht wird. Die jüngere Legendenbildung um Heilige Quellen liefert zahlreiche Beispiele, bei denen die Versuchung durch den Teufel oder schwarzmagische Praktiken in die Katastrophe führen. Auf der anderen Seite stehen jene „Augenbrunnen“, die in Deutschland und im Alpenraum heute den größten Teil der Heiligen Quellen ausmachen. Sie stehen gleichermaßen für die Verbesserung der physischen Sehkraft wie, im übertragenen Sinn, für das Öffnen des „inneren Auges“, die Gottesschau.
- Die Aufnahme von Verbindungen mit der göttlichen Sphäre ist an Quellen wie anderen Ritualplätzen an bestimmte Zeitpunkte gebunden. Bekanntes Beispiel sind die in Skandinavien bis heute praktizierten Mittsommerfeste (Wasserland Schweden) an Quellen, die ihren Ursprung in germanischer Zeit haben. Neben dem Sonnenstand waren Tageszeiten (Mitternacht, Sonnenauf- und Untergang), Vollmond und Neumond wichtige Orientierungspunkte zur Durchführung von Ritualen. In den animistischen Religionen sind sie mit einer bestimmten „Qualität“ verbunden, in der sich die Natur zum jeweiligen Zeitpunkt befindet. Es dauerte Jahrhunderte, bis sich schließlich das Kirchenjahr mit seinen religiösen Festen und den Gedenktagen der Heiligen auch an den Quellen durchgesetzt hatte. An den Jahrestagen von Quellheiligen und Marienfeiertagen wurden Wallfahrten zu den Quellen organisiert, häufig verbunden mit mehrtätigen Jahrmärkten, um möglichst viele Gläubige anzulocken.
- Einen bis heute wichtigen Anteil an Kulthandlungen hat das Opfer. Ursprünglich war es dazu bestimmt, Verehrung zum Ausdruck zu bringen, die Götter milde zu stimmen und erfolgreich mit ihnen kommunizieren zu können. Von diesen Gaben, die in Heiligen Hainen oder an Ritualquellen der Natur überlassen wurden, unterschieden sich jene, die der Priester für private Rituale, Wahrsagungen und Heilungen erhielt. Im Christentum fielen die Opfergaben der Gläubigen direkt dem Klerus zugute, der im Gegenzug „von berufener Stelle“ Fürbitte leistete und dem Seelenheil Vorschub verlieh. Die von Gläubigen aus Frömmigkeit und Dank errichtete Kapellen, Bildstöcke, Wegekreuze oder Lourdesgrotten benötigten zumindest den kirchlichen Segen, um ihren Zweck erfüllen zu können.
Die Bandbreite der Opfergaben ist hoch. In prähistorischer Zeit waren es oft Naturalien, wie sie beispielsweise Anhänger der afro-brasilianische Macumba an Ritualplätzen in Brasilien bis heute darbringen: Früchte, Nahrungsmittel, Tabak, Rum, Kerzen. Hinweise, dass an rituellen Quellen Menschenopfer gebracht wurden wie in Mooren und Seen, gibt es nicht. In der Rhumequelle (Länderartikel) im Südharz wurden geopferte Fibeln, Tongefäße und Beile aus dem Frühneolithikum gefunden, aus späterer Zeit auch zahlreiche Münzen. Noch heute werfen Menschen Münzen in diesen wunderbaren Quellteich und manchen Brunnen in der Hoffnung, dass sich ihre Wünsche erfüllen.
Mit der Öffnung des Katholizismus gegenüber dem Quellen- und Marienkult wurden neben den Opfern der Gläubigen auch Votivgaben zu einer wichtigen Einnahmequelle der Kirche. Sie wurden aufgrund eines Gelübdes bzw. Verlöbnisses (Ex Voto) nach erfolgter Rettung dargebracht und bestärkten als sichtbare Zeichen auch andere im Glauben. Am Wunderbrunnen Saint-Martin (50.783483, 1.914600) in der Bretagne werden bis heute Kindersocken und Kinderschuhe aufgehängt, die von Heilungen zeugen. In manchen Kapellen neben Heiligen Quellen findet man noch unzählige Krücken, die im Lauf der Jahrhunderte von Genesenen hinterlassen wurden. An Wallfahrtsorten berichten die Nachbildungen geheilter Körperteile und Votivtafeln mit ausdrucksstarken Bildern von Heilungen und Rettungen aus großer Not.

links: Votivtafeln an der Gnadenkapelle in Altötting, rechts: Votivgaben aus dem Weltmuseum in Wien
Je zahlreicher und glaubwürdiger sie die Wunderkraft eines Ortes zum Ausdruck brachten, desto mehr Wallfahrer zog er an - was sich die katholische Kirche bewusst zunutze machte. Nach und nach füllten sich nicht nur die Opferstöcke, sondern auch die Schatzhäuser von Kirchen und Klöstern. Viele der prachtvollen Wallfahrtskirchen in ganz Europa wurden mit Dankesgaben der Pilger errichtet.
Die Anfänge des Quellenkults in Frankreich
Im europäischen Vergleich gibt es in Frankreich besonders viele Funde von Artefakten, die eine Nutzung von Quellen in prähistorischer Zeit belegen. Aus keltischer Zeit sind Brunnen bekannt, die dem Heil- und Quellgott Belenos geweiht waren, etwa die sagenumwobene Fontaine de Barenton (48.0388989, -2.246872) und die Fontaine de Jouvence (48.078233, -2.115667) im Wald von Broceliande. Letztere liegt nur wenig entfernt von einer Megalithanlage, die heute viele als Merlins Grab (de.wikipedia.org/wiki/Merlins_Grab) ansehen. Die gefasste Quelle einer Druidenkultstätte an der Kapelle Saint Martin (47.231000, 4.433367) wurde mit einem steinernen Dach geschützt.

Fontaine Saint Martin www.burgund-tourismus.com/kirchen-abteien-und-andere-religioese-bauwerke/chapelle-et-fontaine-saint-martin
Aus gallsicher Zeit stammt auch die kräftige Fontaine de Bernos (45.122700, -0.837867). Mit ihrem stark eisenhaltigen Wasser und den Algen, die von der Sonne zum Leuchten gebracht werden, genoss sie sicherlich besondere Verehrung. Der Legende nach stillen Feen hier ihren Durst und die Farbe des Wassers (Fachartikel) soll auf eine Prinzessin mit rotem Haar zurückgehen, die im Brunnen ertrank.

Fontaine de Bernos www.medocvignoble.com/de/patrimoine-culturel/la-fontaine-de-bernos
An einige Quellheiligtümern sind noch Zerstörungen erkennbar, die aus Zeiten der Auseinandersetzung zwischen dem heidnischen und dem christlichen Glauben stammen dürften. So wurden die Dolmen und Menhire an der Fontaine de Kermore (www.la-fontaine.tv/fontaine_fr.htm) westlich von Malguénac zerbrochen, deren Artefakte und Steinsetzungen weit in die Steinzeit zurückreichen.
Die Source Gaalor (www.rouen-histoire.com/Fontaines/gaalor.htm) in der Stadt Rouen bezog ihren Namen vom gallischen Wort für Schlamm. Im Mittelalter wurde sie Fons Mertricum (Brunnen der Huren) genannt. Heute liegt sie unter einer Straße begraben und man sieht nur noch ein Stück Aquädukt, in dem ihr Wasser früher floss.
Da die Römer gerne auf Quellen zurückgriffen, die schon vor ihrer Zeit rituell und/oder medizinisch genutzt wurden, belegen ihre baulichen und schriftlichen Hinterlassenschaften in vielen Fällen die Kontinuität der Quellennutzung über die Jahrtausende.
Eines der ältesten „gallo-römischen“ Quellheiligtümer befindet sich in Glanum bei Saint-Rémy-de-Provence, rund 80 Kilometer von Massalia (heute Marseille) entfernt, das von den Griechen im siebten vorchristlichen Jahrhundert als Handelsstützpunkt gegründet worden war. Archäologen nehmen an, dass Glanum Ausgangspunkt der kelto-ligurischen und später der griechischen und römischen Besiedlung war. Die Quelle war Glan, dem Stadtgott von Glanum und den drei Muttergottheiten Matres Glanicae geweiht.

Quellheiligtum Glanum

Das keltische Dreigestirn der Muttergottheiten Matres verkörpert die enge Verbindung des Wassers mit weiblichen Attributen
Die Nutzung der Fontaines Salées (fr.wikipedia.org/wiki/Site_arch%C3%A9ologique_des_Fontaines_Sal%C3%A9es) bei Saint-Père (47.449117, 3.777067) wurde mittels Radiokohlenstoffanalyse auf die Zeit um 2.300 vor Christus datiert. Archäologen konnten nicht nur einen keltischen Rundtempel und römische Thermenanlagen nachweisen, sondern auch, dass die Quellen vom Neolithikum bis ins Mittelalter für Bäder und zur Salzgewinnung genutzt wurden.

Fontaines Salees
In Frankreichs wohl bekanntester Quelle, der Source de la Sorgue (43.918139, 5.132333) in Fontaine-de-Vaucluse, bargen Taucher von 2001 bis 2003 in drei Unterwassergrabungen 1.624 Bronze-, Silber- und Goldmünzen, hunderte Eisennägel, Schmuckfragmente und Bronzenadeln, die in den Spalten der Felswände eingeschlossen waren. Dieser gallo-römische Schatz aus über sechs Jahrhunderten hat der Wissenschaft viele Erkenntnissen über frühe Wasserkulte und Votivpraktiken gebracht.
Das Wasser des (leider unzugänglichen) Jungbrunnen von Touvoie in Rochecorbon (47.421433, 0.753733), versprach ewige Jugend - ein Gedanke, der die Mythologie von Quellen in ganz Europa durchzieht.
Das Wasser der ergiebigen, 64°C heißen Fontaine Chaude in Dax (Departement Landes) wurde schon in prähistorischer Zeit genutzt. Die Römer nannten den Ort „Aquae Tarbellicae“, Wasser der Tarbellen (aquitanischer Volksstamm) und bauten eine Therme, die der Siedlung wichtige Impulse gab. Die Reste der römischen Ansiedlung liegen tief unter der heutigen Stadt. In Summe sind in Frankreich noch einige Dutzend gallo-römische Ritualquellen und Thermen bekannt, manche davon unzugänglich in Kellern gelegen. Einige werden vielleicht noch entdeckt werden, wie 1994 ein Quellheiligtum beim Bau einer Tiefgarage in Rouen, andere liegen vermutlich für immer unter dem Schutt der Jahrtausende begraben.
Auch betuchte römische Privatleute scheinen gerne auf die alten Quellen zugegriffen zu haben. Unweit der gallischen Kultstätte Fontaine d'Orfonds (47.154200, 1.030967) im Wald bei Loches wurde eine Villa entdeckt, die ihr Wasser über ein Aquädukt von dieser „aurea fons“ (Goldquelle) bezog. Eine Legende erzählt, dass der Zauberer Orfon das diamantbesetzte Gewand einer Marienstatue aus Beautertre stahl und die Statue des Heiligen Bruno aus der Kartause von Liget zu Goldbarren einschmolz. Für diese Verbrechen wurde er von Gott dazu verdammt, in einer Krypta gefangen zu leben. In jeder Christnacht entkam Orfon, um die Münzen seines Goldschatzes an dieser Quelle zu sortieren.
Als die römische Herrschaft in Frankreich nach knapp 500 Jahren unter dem Druck von Franken, Westgoten und Burgundern zusammenbrach, passten sich die neuen Herrscher der gallo-römischen Kultur zwar an. Wie in fast allen ehemaligen Provinzen verfielen die meisten Wasserbauten allerdings und die fortschrittliche städtische Trinkwasserversorgung und Abwasserkanalisation verkamen. Es dauerte über 1.200 Jahre, bis mit Wien 1739 eine erste europäische Stadt wieder vollständig kanalisiert war. In anderen Städten floss das Abwasser noch durch die Straßen, es stank und unzählige Menschen starben an Cholera, Ruhr und Typhus.
Ritualquellen in christlicher Zeit
Die Christianisierung Galliens hatte bereits in der Spätantike begonnen und sich mit der Taufe des Franken-Königs Chlodwig um das Jahr 500 festigen können. In Nordfrankreich kamen seit dem späten sechsten Jahrhundert zahlreiche Mönche aus Irland und Schottland über den Kanal, um zu missionieren, zu predigen und Klöster zu gründen. Viele von ihnen hingen dem irobritannischen Christentum (https://mazhevig.wordpress.com/2017/07/08/die-irobritannische-kirche/) an, dessen Kontakt zum Papsttum lose war und das die Quellenverehrung schon früh in einen christlichen Ritus überführte. Bei der Bevölkerung genossen die meisten dieser Missionare hohes Ansehen, kaum einer der 7.777 Heiligen Mönchen, von den die Legenden erzählen, wurde von der katholischen Kirche aber anerkannt. Im Nationalgefühl der Bretonen sind sie bis heute verankert, wie die alten Kultquellen zeigen, die ihnen geweiht sind oder in jüngerer Zeit das Projekt „Vallée des Saints“ (de.wikipedia.org/wiki/Vall%C3%A9e_des_Saints) in Carnoët (48.370770, -3.540580).
Die katholische Kirche untersagte den Quellenkult in den Konzilen von Arles (452 n.Chr.) und Tours (567 n.Chr.) wegen der „heidnischen Umtriebe“ ausdrücklich. Wurden Quellen in Einzelfällen christlich genutzt, dann als Baptisterien. So wurde das älteste Taufbecken Frankreichs in der merowingischen Kirche Saint-Jean in Poitiers (www.lesportesdutemps.com/archives/2019/07/23/37516535.html), die bis in vorchristliche Zeit zurückreicht, seit dem vierten Jahrhundert für Erwachsenentaufen genutzt.

www.reddit.com/r/france/comments/7aii2s/baptist%C3%A8re_saintjean_de_poitiers_%C3%A9glise/?tl=de
Als der Klerus sich bei Papst Gregor dem Großen (de.wikipedia.org/wiki/Gregor_der_Gro%C3%9Fe) (590-604) beklagte, dass auch die Zerstörung heidnischer Quellen keinen Erfolg brächte und die Rituale weiter praktiziert würden, empfahl der, sie durch eine Christianisierung der Quellen auszumerzen. In einem Brief an den Abt eines Klosters in England schrieb er: „Nach langer Überlegung habe ich erkannt, dass es besser ist, anstatt die heidnischen Heiligtümer zu zerstören, dieselben in christliche Kirchen umzuwandeln … Es ist nämlich unmöglich, diese rohen Gemüter mit einem Schlage von ihren Irrtümern zu reinigen. Wer die Spitze eines Berges erreichen will, steigt nicht in Sprüngen, sondern Schritt für Schritt“.
Wie verhärtet die Fronten zwischen keltischer und christlicher Religion selbst noch im ausgehenden siebten Jahrhundert waren, zeigt das Leben der elsässischen Herzogstochter Odilia (Fachartikel). Ihr Vater wollte sie wegen ihres christlichen Glaubens töten lassen. Blind geboren erlangte sie kraft ihres Glaubens und einer heilkräftigen Quelle aber ihre Sehkraft, ein Wunder, das auch ihren Vater dem Christentum zuführte. Sie ist als eine der ganz frühen Quellheiligen der katholischen Kirche aber eher eine Ausnahmeerscheinung. An der Wunderquelle auf dem Mont Sainte Odile (48.4349, 7.403967) holen sich noch heute viele Menschen ihr Trinkwasser.

Ottilienquelle auf dem Mont Sainte Odile
Seitdem die Kirche Wasser im zwölften Jahrhundert eine christliche Deutung gab und sich der Quellenverehrung zuwandte, nahmen Wallfahrten und Quellenverehrung zu. Das heidnische Brauchtum, das in manchem Quellenkult noch durchschimmerte, wurde geduldet, denn die Votiv- und Opfergaben der Gläubigen waren einträglich. An Heiligen Quellen, die als besonders wunderkräftig galten und Pilger aus der weiteren Umgebung anzogen, wurden Kapellen oder Kirchen errichtet, die oft dem Quellheiligen geweiht wurden. Neben der Fontaine Saint-Symphorien (45.796611, -0.957528), die als heilkräftig bei Rheuma galt, wurde beispielweise die Église Saint-Symphorien erbaut.
Mit der Zeit entstand um die Heiligen Quellen ein Pfründenwesen, das schließlich so weit ging, dass Geistliche Wunderheilungen erfanden, um ihre Quellen attraktiver zu machen und ihre Einkünfte zu erhöhen. Zusammen mit anderen Missständen in der Kirche löste das mit Luthers Thesenanschlag (de.wikipedia.org/wiki/95_Thesen) von 1517 die Reformation aus, deren Anliegen es war, sich wieder auf das Wort der Bibel zu besinnen und die Missstände zu beenden. Wie in den meisten reformierten Gebieten Europas wurde auch in den calvinistischen Regionen Frankreichs die Heiligen- und Quellenverehrung bekämpft.

Ausbreitung des Calvinismus in Frankreich wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e6/Protestant_France.svg
Ausnahme bildete das lutherische Skandinavien, wo die Christianisierung damals allerdings auch erst seit rund 200 Jahren abgeschlossen war und wo sich neben dem Quellenkult auch viel anderes Brauchtum aus germanischer Zeit erhalten hatte. Die französischen Katholiken indes verbargen ihre Heiligenfiguren und Kultgegenstände, um sie vor den Wirren der Religionskriege (de.wikipedia.org/wiki/Hugenottenkriege) zu schützen.
Nach der blutigen Bartholomäusnacht, die 1572 allein in Paris etwa 4.000 Calvinisten das Leben gekostet hatte, und nach weiteren Verfolgungen sahen sich die Reformierten 1685 endgültig gezwungen, zum Katholizismus zu konvertieren oder das Land zu verlassen. Rund 250.000 Hugenotten (de.wikipedia.org/wiki/Reformation_und_Gegenreformation_in_Frankreich), wie die französischen Calvinisten genannt wurden, sollen das Land damals verlassen haben. Interessant ist, wie schnell sich nach diesem Exodus der Kult um die Heiligen Quellen wieder erholte. Gerade im 17. Jahrhundert entstanden viele neue Wunderquellen, Wallfahrtskirchen, Kapellen und Oratorien. Weniger bekannte Quellen, die nur von der lokalen Bevölkerung zur Andacht und zur Linderung ihrer körperlichen Leiden aufgesucht wurden, erhielten steinerne Becken, Gebetstafeln, ein Kreuz, einen Opferstock. Manche Quellen wurden bis in die 1960er-Jahre von der Bevölkerung genutzt, manche erfreuen sich auch heute wieder eines Regen Besuchs.
Heilige und Hexen - Quellenkult als Spiegel der Gesellschaft
Die Beschäftigung der Franzosen mit ihren Heiligen Quellen hat manche wertvolle Information in die Gegenwart gerettet. Einiges davon ist auf andere Länder übertragbar, da es zwischen den Regionen Europas durch Pilger, Händler, fahrendes Volk, Klostergründungen und nicht zuletzt durch Kriege zum ständigen Austausch kam. So trifft man heute von Skandinavien bis Sizilien, vom orthodoxen Griechenland bis Spanien auf ähnliche rituelle Praktiken und Legenden - so wie sich auch die Krankheiten und Anliegen, wegen derer die Menschen ihre Quellen aufsuchten, ähnlich sind.
Die Heiligen, denen sie geweiht wurden, waren oft von nur lokaler Bedeutung. In Nordfrankreich waren es oft die Missionare von jenseits des Kanals, die als Heilige und Fürbitter verehrt wurden. Im restlichen Frankreich kannte sie kaum einer. Wolfgang oder Ulrich, im Alpenraum und Süddeutschland bekannte Quellenheilige, sind in Frankreich allenfalls im Elsass und in Lothringen vertreten. Frankreichs Nationalheilige Jeanne d´Arc ist in anderen Ländern vor allem als historische Gestalt bekannt, die Heilige Elisabeth, als Patronin von Thüringen und Hessen wiederum, kennt außerhalb von Deutschland kaum jemand. Nur die prominentesten der über 7.000 Heiligen und Seligen der katholischen Kirche sind weltweit bekannt.
Vielen Heiligen wurden besondere, teils sehr spezifische Fähigkeiten zugesprochen. Wo man auf Saint Quitterie trifft, wurden Kopfschmerzen geheilt, Saint Eutrope wurde bei steifen Gliedern, Beinleiden und Verkrüppelungen angerufen, der Heilige Blasius bei krankhafter Blässe, die Heilige Rose bei Furunkeln, Pickeln und Flechten, der Heilige Leu (Loup) bei Warzen, Aussatz und fleckiger Haut, Saint Aignan bei Ringelflechten, der Heilige Ruffine bei Milchschorf, Saint Lye löste die Zunge. Die Heilige Claire linderte wie die Heilige Ottilie Augenkrankheiten und machte Blinde sehend, die Heilige Anne de Belhade half bei Unfruchtbarkeit und Schwangerschaften, förderte das Stillen. Als besonders kraftvoller Fürsprecher galt der Erzengel Michael, dessen Kult in Frankreich seit jeher stark vertreten ist. An der Quelle von Bias (44.144150, -1.218750) wurde er bei Magenbeschwerden angerufen, in Lüe bei Hautkrankheiten.
Auch den Quellwässern wurden unterschiedliche Heilwirkungen zugesprochen. Man kennt sie als Fontaine de dévotion aux rhumatismes (Rheumatimus), wie die Wunderquelle Saint Symphorien (45.796600, -0.957600), zu der noch heute am Abend des 22. August, dem Fest des Schutzheiligen, Menschen pilgern. Sie soll selbst Gelähmten ihre Beweglichkeit wiedergegeben haben. Die Fontaine de dévotion contre les maux de dents half bei Zahnschmerzen, die Fontaine de dévotion contre la fièvre bei Fieber, die Fontaine de dévotion contre le mal des yeux bei Augenleiden, die Fontaine de dévotion contre les maux de tête bei Kopfschmerzen, die Source des Lépreux bei Lepra usw. Die viel besuchte Fontaine Saint-Clair (44.005050, -0.733900) nördlich von Ygos-Saint-Saturnin, an der 6.000 Jahre alte Votivgaben gefunden wurden, besteht gar aus drei benachbarten Quellen mit unterschiedlichen Tugenden: Die mittlere kurierte Ischias und Rheuma, die rechte Kopfschmerzen und Augenprobleme, zu der linken brachte man Kinder mit verwachsenen Beinen. Quellen, die zu Waschungen und Bädern genutzt wurden, erhielten kleine Brunnenhäuser.

Der Saint-Guirons-Brunnen in Laglorieuse (1843) diente Körperwaschungen und ist deshalb mit einem Brunnenhaus versehen
Einige Quellen galten den Menschen als besonders heilkräftig, als wahre „Alleskönner“. Die Fontaine de Rumengol (48.302483, -4.147583) wird bis heute bei allen schweren Krankheiten und Unglücken angerufen und ihr Wasser soll die Schmerzen von Sterbenden lindern. Als ähnlich wirkungsstark galt die Fontaine Miraculeuse an der Basilika Sainte-Anne-d'Auray (47.70447, -2.95497), einer der bekanntesten Wallfahrtsorte Frankreichs. Als eine von wenigen Heiligen Quellen erhielt sie eine monumentale Brunnenanlage.
Die Kenntnis um die Heilkraft der Quellen war eng verbunden mit der Volksmedizin, die zumeist in der Hand von Frauen lag. Manche von ihnen wussten neben der Heilkunde auch um magische Praktiken und übten sie aus. Aus manchen Orten ist überliefert, dass die Heilerin den Kranken eine bestimmte Quelle zuweisen musste, damit sie wirksam wurde. Eine berühmte „Empfehlungsgeberin“ (gaskognisch: recommandayre) ist eine Madame Laveriotte, von der bis heute erzählt wird. Auch bei anderen Anliegen wurden Frauen mit solch besonderen Fähigkeiten aufgesucht. Wer etwa vom Wasser der Fontaine Saint-Vincent (49.006750, 4.971056) nördlich des Weilers Chemin trank und dabei bestimmten Ritualen folgte, bei dem stand innerhalb eines Jahres die Hochzeit an, mit Hilfe anderer Rituale wurden psychische und geistige Erkrankungen oder das Nägelkauen von Kindern behandelt. Ein gemeinsames Bad bei Vollmond in bestimmten Quellen soll Paaren mit Kinderwunsch zu Nachwuchs verholfen haben.
In der Karte Heiliger Quellen von Landes (https://fontainesdeslandes.fr/?q=carte_fontaines) sind unter dem Stichwort „Propriétés de guérisons“ Dutzende verschiedener Krankheiten aufgeführt und es gab auch kaum eine Herzensangelegenheit, bei der nicht irgendeine Quelle Hilfe versprach. Überlieferungen und Legenden zeichnen ein lebendiges Bild der Lebenswelt und des magischen Gedankenguts der damaligen Bevölkerung, das in vielerlei Hinsicht noch in der Naturreligion wurzelte. Die Kirche begegnete der heidnischen Magie mit Schreckensvisionen und ewiger Verdammnis, manche Kleriker schürten auch Angst, um den Gläubigen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Ohne die Fürbitte christlicher Heiliger und Opfergaben gab es keine Linderung, keine Erlösung.
So wurden magische Praktiken und Zukunftsdeutung von Heiler(inne)n zumeist im Verborgenen ausgeübt und ihr „geheimes Wissen“ schürte den Konflikt mit der Kirche weiter. Sie hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hieß es, durch Schadenzauber würden sie Krisen, Missernten und Seuchen hervorrufen, in flammenden Predigten wurde der Volkszorn angeheizt. Selbst Martin Luther war von Teufelspakt und Hexenzauber überzeugt. Um 1400 kam es zu ersten Todesurteilen, die „Hexenbulle“ von Papst Innozenz VIII. (1484) trieb die Prozesse weiter voran. Nach der Reformation wurden Hexen und Zauberer in katholischen wie protestantischen Gebieten gleichermaßen verfolgt. Bis zur letzten Hinrichtung 1782 hatten weit über 50.000 Menschen ihr Leben auf dem Scheiterhaufen gelassen, rund 80% von ihnen Frauen, die als besonders anfällig für Teufelspakt und Magie galten.

Hexenflug de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung
Reformation und Gegenreformation nahmen auch in anderer Weise Einfluss auf das Frauenbild. Der frühen Kirche hatte eine „Himmelskönigin“, eine „Muttergöttin“ gefehlt, wie sie die vorangegangenen Religionen des eurasischen Raums kannten. Das änderte sich, als die jesuitische Gegenreformation den Marienkult seit den 1580er-Jahren bewusst aufbaute, um dem Bedürfnis der Volksfrömmigkeit nach einer reinen, starken und mütterlichen Fürbitterin entgegenzukommen. Seitdem wurden der Muttergottes nicht nur zahllose Kirchen geweiht, sondern auch Quellen, an denen Kapellen oder Oratorien als Andachtsorte erbaut wurden.
Obwohl die Marienverehrung auch in Frankreich tief verwurzelt ist, trifft man kaum auf Lourdes-Grotten. Sie entstanden vor allem in Deutschland nach der Marienerscheinung von 1858 als Nachbildungen der Grotte von Massabielle, oft aufgrund privater Gelübde und an abgelegenen, wunderbaren Plätzen an einer Quelle. Als Orte der Marienverehrung, des Volksglaubens und Ziel örtlicher Wallfahrten werden manche bis heute gerne besucht.
Sagen, Legenden, magische Wesen
Viele der Legenden und Sagen, die sich mit verschiedenen Ausschmückungen und Abweichungen um Heilige Quellen in ganz Europa ranken, findet man auch in Frankreich. Dazu gehören
- das „Schlagen“ von Quellen durch Heilige und fromme Eremiten und durch Tiere, von denen sie begleitet werden
- das Waschen der Augen mit Quellwasser, das die Sehkraft stärkt und den Weg zur inneren Gottesschau öffnet
- Quellen, die nach inbrünstigen Gebeten entspringen, Heilung bringen oder verirrte Wanderer vor dem Verdursten retten
- Heilige (später insbesondere die Jungfrau Maria), die Kranken im Traum eine heilsame Quelle offenbaren
- Marienerscheinungen an Quellen, die dadurch zu Wunderbrunnen werden
- Teleportation von Kultgegenständen oder Marienbildnissen zu Quellen, die von göttlichen Mächten als Heiligtum auserkoren sind
- Quellen als Orte der Versuchung (insbesondere von Jungfrauen) durch den Teufel
- Quellen, die versiegen oder unbrauchbares Wasser führen, nachdem an ihnen unchristliche Handlungen durchgeführt wurden, es zu Streit kam oder gar der Teufel im Spiel war
- Quellen und Seen, die nach Freveltaten ihrer Bewohner ganze Dörfer verschlucken
- Quellen als Orakelstätten, oft um den Gnadenzustand von Gläubigen zu erfragen
- der Jungbrunnen als Born ewiger Jugend
- Münzopfer, die in Quellen/Brunnen geworfen werden, um Glück und Liebe zu bringen
- Quellen, an denen Menschen/Tiere vom Wasser geschluckt werden, um an anderer Stelle (oft lebend) wieder aus der Erde gespült zu werden
- Quellen, die versiegen oder unbrauchbares Wasser führen nach dem Versuch, Tiere mit ihrem Wasser zu heilen (was allerdings nur in manchen Regionen als Gottesfrevel galt)
Eine Besonderheit Frankreichs sind zahlreiche Sagengestalten aus keltischer Zeit, denen man besonders im Norden und Westen begegnet – oft an Quellen, die schon in keltischer Zeit genutzt wurden. Manche der Wesen erinnern an die geheimnisvollen Druiden, von denen wenig mehr gesichert ist, als dass sie eine priesterliche Elite von großem gesellschaftlichem Einfluss bildeten, sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur und den Himmelsgestirnen beschäftigten und ihr Wissen mündlich tradierten. Die Schilderungen von Julius Caesar, der während der gallischen Kriege in Kontakt mit Druiden kam, dürften tendenziös und mit Vorsicht zu genießen sein.
Der geheimnisvolle Wald Brocéliande (de.wikipedia.org/wiki/Broc%C3%A9liande) wurde im zwölften Jahrhundert in der Dichtung von Chrétien de Troyes (de.wikipedia.org/wiki/Chr%C3%A9tien_de_Troyes) erwähnt. Mit seinen zahlreichen Megalithanlagen und der sagenhaften Fontaine de Jouvence (48.078233, -2.115667) soll er Wirkungsfeld des Zauberers Merlin und der Quellenfee Viviane gewesen sein, die König Artus (de.wikipedia.org/wiki/Artus) das Schwert Excalibur überreichte und ihn nach der schicksalhaften Schlacht von Camlann nach Avalon begleitete. Merlin hat Viviane an der Quelle gezeigt, wie man Regen herbeizaubert und es sollen Feen aus ihr geboren worden sein. Das Tombeau de Merlin, das vermutete Grab Merlins, liegt nur 150 Meter von der Fontaine de Jouvence entfernt.
Den unablässig vom Grund aufsteigenden Gasblasen der artesischen Quelle wurde nachgesagt, dass sie den Kopf von Wahnsinn und wirren Gedanken befreien. Am Tag der Sommersonnenwende - astronomisch zwischen dem 20. und 22. Juni, im christlichen Kalender das Fest von Johannes dem Täufer am 24. Juni - sollen in ihr die Kinder gewaschen worden sein, die im vorangegangenen Jahr geborenen waren. Über die zehn Kilometer entfernte Fontaine de Barenton (48.038900, -2.246883) wachte Yvain, Ritter der Tafelrunde, nachdem er dort den schwarzen Ritter getötet hatte. Beide Quellen wurden im Gegensatz zu vielen anderen Ritualquellen der Kelten nie christianisiert. Heute hat sich der geheimnisvolle Wald als Kultstätte des Neuheidentums etabliert.
Im verkarsteten Bergstock der Alpillen im Südwesten der Provence hat ein Nachfahre Merlins gewirkt, der angesehene Magier Zorg (www-fontaine--eau-com.translate.goog/le-mystere-de-la-fontaine-deau-dherone/?_x_tr_sl=fr&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=sc). Als im Ort Hérone während einer schweren Dürre zwischen den Bewohnern Streit um das Wasser des einzigen Brunnens entflammte, weissagte er: „Wenn euch dieser Brunnen so viel Ärger bereitet, wird er morgen verschwunden sein. Vergesst all eure unberechtigten Anschuldigungen, vertraut einander wieder, arbeitet zusammen und der Brunnen wird wieder sprudeln.“ Die Bewohner folgten seinem Rat aber nicht und mussten ihren Ort bald aufgeben.
Neben weisen und wohlmeinenden Sagengestalten, die oft an Druiden gemahnen, bevölkern zuhauf beängstigende und ausnehmend hinterhältige Wesen die Welt der Sagen und Märchen. In der geheimnisvollen Grotte Harpeko Saindua (43.265000, -1.389233) an der spanischen Grenze wurde nach Ansicht von Ethnologen in neolithischer Zeit die Muttergöttin Mari verehrt, eine zentrale Figur der baskischen Mythologie. Ihre Dienerinnen, die „Sorginak“ genannten Hexen, sollen zu Maris Ehren freitagabends in Höhlen wilde Zeremonien abgehalten haben. In der Grotte Harpeko Saindua befindet sich ein „schwitzender Stein“, der an eine Frauengestalt erinnert und der Sage nach eine junge Hirtin christlichen Glaubens ist, die von Mari versteinert wurde. Für diejenigen, die ihr feuchtes Gesicht von den Tränen trocknen und ihr Gaben bringen, soll sie Wunder tun – vermutlich eine Erzählung aus der Zeit, als die alte Naturreligion und das Christentum aufeinanderstießen.
Lozu Tac in Landes konnte verschiedenste Gestalten annehmen, trieb sein Unwesen an Quellen und Brunnen und klammerte sich an die Rücken von Menschen, bis die erschöpft unter ihm zusammenbrachen. Lébérou (andernorts Ganipote), der als Strafe für sein verruchtes Leben verflucht worden war, trieb sein Unwesen im Périgord. Um seine Schuld zu begleichen, musste er bei einbrechender Dunkelheit in ein Tierfell schlüpfen und in der Nacht auf allen Vieren an sieben Brunnen und sieben Kirchtürmen vorbeilaufen. Wem der Lébérou auf den Rücken sprang, um seine schreckliche Mission zu erfüllen, dem drohte, dass der Fluch auf ihn überging.
Häufig wurden christliche Legenden mit heidnischen Inhalten vermischt, um sie auszuschmücken und ihre Wirkkraft zu erhöhen. Während in den meisten katholischen Ländern vor allem der Teufel als Antagonist bemüht wird, wimmelt es in den französischen Erzählungen von Feen und Magiern, mehrköpfigen Fabelwesen und Ungeheuern, Allegorien für den beständigen Kampf zwischen Gut und Böse. Vom Heiligen Majan erzählt man sich, dass er mit einem Drachen kämpfen musste, der die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Er warf seinen Bischofsring in das Maul des Ungeheuers, woraufhin es im Boden verschwand und eine Quelle (43.477467, 0.910050) entsprang, wie in Wandmalereien der Chapelle Saint-Majan bei Lombez zu sehen ist.
In Noyale-Pontivy im Departement Morbihan entspringen die drei Quellen der Heiligen Noyale (48.083250, -2.901083), Tochter eines Königs von Cambridge, die sich im sechsten Jahrhundert als Einsiedlerin in die Bretagne zurückzog. Auf ihren Reisen begegnete sie Nizan, der um ihre Hand anhielt und sie enthaupten ließ, als sie sich ihm verweigerte. Noyale aber nahm ihren Kopf in die Hand und setzte ihre Reise unbeirrt fort. Die Quellen entsprangen aus drei Blutstropfen, die zu Boden fielen. Ihrem Wasser wird die Linderung von Kopfschmerzen nachgesagt.
Anders löste sich das Problem für die Heilige Enimie (www.heiligenlexikon.de/BiographienE/Enimia.html), Schwester von Dagobert, der seit 629 König der Franken war. Nach inbrünstigen Gebeten, Gott möge ihr die Heirat ersparen, wurde sie von Lepra befallen und konnte so ihre Bewerber abweisen. Nach mehreren Bädern in der Quelle von La Burle (44.366917, 3.410283) verschwand die Krankheit, Enimie gründet ein Kloster für Männer und Frauen und vollbrachte viele Wunder. Die Quelle wurde bei Haukrankheiten und Lepra besucht. Wie so häufig wird in beiden Fällen ein Zusammenhang zwischen Heilwirkung und Heiligenvita hergestellt. Ob im Einzelfall eine beobachtete Heilwirkung den Anfang machte oder die Heiligenwidmung die Heilwirkung erst nach sich zog, lässt sich kaum mehr nachvollziehen.
Dass historische Gestalten in die Sagen eingezogen wurden, ist aus verschiedenen Teilen Europas bekannt. Im tschechischen Karlsbad (Fachartikel Westböhmisches Bäderdreieck) soll Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert bei einer Jagd eine heilsame heiße Quelle entdeckt haben. In Frankreich erzählte man von Karl dem Großen, er habe durch inbrünstige Gebete Quellen zum Entspringen gebracht, mit deren Wasser er sein Heer versorgen konnte. Selbst sein treues Pferd stieß mit seinen Hufen eine Quelle. Weniger Glück war Karls Neffe Roland beschieden, der sich im siegreichen Krieg gegen die Sarazenen ausgezeichnet hatte. Er rief bei zwei kühnen Sprüngen mit seinem Pferd Gott und die Jungfrau Maria an und überwand das Hindernis ohne Problem. Beim dritten Sprung, den er der Dame seines Herzens widmete, stürzte er in eine Schlucht, wo daraufhin die „tropfenden Steine“ (Les roches du Saut Roland) (www.destination-fougeres.bzh/de/site-naturel/les-roches-du-saut-roland/), entstanden.
Auch von Menschen aus dem Volk wird erzählt, die auf ihren langen und gefährlichen Wanderungen besondere Begegnungen mit Quellen hatten. Manche regten mit ihrem Aussehen oder Wasser die Fantasie der Menschen besonders an, wie die imposante Fontaine Pétrifiante de Réotier (44.667033, 6.600017). Sie soll dem Hausierer Antoine am 24. Dezember beim schweren Marsch durch einen Schneesturm als riesiges Ungeheuer mit weißen Zähnen erschienen sein. Sein inbrünstiges Gebet ließ einen Donnerschall ertönen und der Mond erschien zwischen den Wolken, sodass er die Quelle als versteinerten Brunnen erkannte.

Fontaine Petrifiante de Reotier
Auch einige der wunderbaren Quelltöpfe Frankreichs zählten zu den Heiligen Quellen und regten die Menschen mit ihrem leuchtenden Wasser zu Erzählungen an. Von der Fontaine du Puy Rabier (46.342389, 0.382667), der das Flüsschen La Belle entspringt, heißt es, sie sei in Zeiten einer großen Dürre durch einen Pakt entstanden, den ein Bauernpaar aus Verzweiflung mit dem Teufel einging. Im Tausch gegen die Seele ihrer Tochter würde er noch vor dem nächsten Hahnenschrei eine Quelle mit großen Wassermengen schaffen. Als die Nacht hereinbrach, sah der Bauer Kobolde, die im Tal gruben und rodeten. Das Paar kam auf die Idee, den Hahn betrunken zu machen, der prompt zu krähen begann. Der Teufel, wütend über die List, trat so heftig gegen den Boden, dass in großen Mengen Wasser hervorquoll. Als der Teufel die Bauerntochter zu entführen versuchte, fiel deren blauer Schal ins Wasser, was ihm seine wunderbare Farbe gab.

Source La Burle https://www.lozere-tourisme.com/la-source-de-burle/gorges-du-tarn-causses/pnalar048v509920
Es wird aber nicht nur bilderreich von Heiligen und mythischen Gestalten berichtet, sondern auch die Quellen selbst entwickeln mitunter einen eigenwilligen Charakter. Besonders Neid, Missgunst und Zwietracht sanktionieren manche von ihnen, indem sie versiegten oder ihr Wasser ungenießbar wurde. Von anderen wird erzählt, die sie nur für „Eingeweihte“ zu sehen waren, wie der magische Brunnen von Montrentec (www-fontaine--eau-com.translate.goog/la-fontaine-magique-de-montrentec/?_x_tr_sl=fr&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=sc). Die Segnungen von anderen durften ausschließlich in bestimmten Notlagen und unter besonderen Bedingungen in Anspruch genommen werden.
Von der Fontaine Saint-Jacques oder Sen-Yaguen (43.929667, -0.731972) in Landes wird erzählt, sie habe ursprünglich im Dorf gestanden, wo sie aber verschmutzt und nicht gewürdigt wurde, weshalb der Heilige Johannes beschloss, sie zu verlegen. Eines Tages war ein lautes Getöse zu hören, und die Dorfbewohner bemerkten, dass ihre Quelle fortwanderte. Der Pfarrer von Sen Yaguen versammelte daraufhin seine Gemeindemitglieder und organisierte eine Prozession, um die Quelle aufzuhalten, doch sie floss immer schneller von dannen. Schließlich galoppierte der Kirchenvorsteher ihr mit dem Pferd nach und warf das Prozessionskreuz hinein, wodurch er die Quelle am Ortsrand aufhalten konnte ...
Zum Schluss eine gute Reise
Wer sich von solch schauerlichen Geschichten, Aberglauben und Hexen nicht abschrecken lässt, kann sich ja selbst auf die Suche nach den Wunderquellen machen. Es ist eine intensive Art, Frankreich und seine vielgestaltige Landschaft kennenzulernen – und wer immer ein Kreuz bei der Hand hat, der ist auch gegen den Teufel gefeit.
Traut man der eigenen Intuition und macht sich mit Rute und Pendel auf den Weg, identifiziert man an vielen (aber durchaus nicht allen) Ritualquellen einen hohen Anteil an „rechtsdrehendem“ Wasser (Glossar) und hohe Boviseinheiten (Gastartikel Wasser aus geomantischer Sicht). Wer lieber fotografiert (Fachartikel), findet das Sonnenlicht im Wasser in all seine Spektralfarben gebrochen oder erkennt mit kurzen Belichtungszeiten die besonders vitale Wirbelbildung.
Weiterführende Links
https://www.fontainesdefrance.info
https://fr.wikipedia.org/wiki/Fontaines_%C3%A0_d%C3%A9votion
https://fontainesdeslandes.fr/?q=carte_fontaines
https://www-docs.b-tu.de/ag-wassertechnik/public/Publikationen/Schriftenreihe/Heft25.pdf
https://www-docs.b-tu.de/ag-wassertechnik/public/Publikationen/Schriftenreihe/Heft28.pdf
Hier ist Platz dafür