Leitfaden zur Quellensuche

Quellenleitfaden

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Willkommen zum Quellenleitfaden - unserem umfassenden Begleiter in die faszinierende Welt der Quellen. Ob Ihr nun aus Neugierde, Naturverbundenheit oder wissenschaftlichem Interesse mehr über diese kostbaren Naturschätze erfahren möchten, hier findent Ihr wertvolle Informationen und praktische Anleitungen zur Erkundung, Dokumentation und zum Schutz von Quellen.

 

 

 

Das Verhältnis frühgeschichtlicher Menschen zu Quellen war geprägt von Staunen, Ehrfurcht und Spiritualität. Quellen galten als Geburtsstätten, an denen Wasser aus den unbekannten und unheimlichen Tiefen der Erde rein an die Oberfläche tritt. Quellen waren ein Geschenk der Götter, Orte der rituellen Verbindung mit dem Göttlichen, Orte der Reinigung. Versiegten sie, konnte die Existenz auf dem Spiel stehen, trübte sich ihr Wasser, musste der Zorn der Götter besänftigt werden, wie Opfergaben belegen, die man in Quelltümpeln gefunden hat. Es wurden Siedlungen an ihnen gegründet, ja es entstanden ganze Hochkulturen, wie etwa vor 4.000 Jahren an den Heiligen Dilmun-Quellen in Bahrain. Quellen kam in materieller wie spiritueller Hinsicht im Weltbild früherer Kulturen hohe Bedeutung zu.

Die meisten Kulturen brachten Quellen mit weiblichen Attributen in Verbindung, dem Gebären neuen Lebens, Heilung, Reinigung, dem Intuitiven und Unbewussten, mütterlicher Fürsorge. Jungfräuliche Orakelpriesterinnen weissagten den Griechen an Quellen ihre Zukunft, uralte Reinigungsrituale wurden in die christliche Taufe überführt. Viele der alten Ritualquellen wurden im Lauf der Jahrhunderte der göttlichen Jungfrau Maria und Heiligen geweiht. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts soll Bernadette Soubirous bei einer Vision in der Grotte von Lourdes eine Quelle freigelegt haben.

So verwundert es nicht, dass die Menschen früher ein ausgeprägtes „Gespür“ für Quellen und Wasser hatten. Ritual- und Heilquellen aus vorrömischer Zeit zeigen, dass das besonders reine Wasser artesischer Quellen ebenso bekannt war wie Heilwässer. Unter den radonhaltigen Quellen beispielsweise wurden genau diejenigen genutzt, deren Radongehalt heilend wirkt, obwohl das radioaktive Gas sensorisch nicht wahrnehmbar ist. Manche Sagen erzählen, es sei das Verhalten der Tiere gewesen, das den Menschen ihre Kenntnisse brachte. In vielen Stammesgesellschaften waren es die spirituellen Führer, die eng mit dem Wasser in Verbindung standen, sein Wesen zu deuten wussten und die Stellen kannten, wo es auch bei Dürren zu finden war. Wasser stand von jeher auch in enger Verbindung mit Macht. Es wurden und werden Kriege um Wasser geführt.

Die Römer ergänzten das Wissen durch ihre wasserbaulichen Fähigkeiten. Von einigen artesischen Quellen weiß man, dass sie deren Wasser in Kanälen und Tonrohren über weite Strecken zu ihren Siedlungen leiteten, wo es lange in Zisternen gelagert werden konnte, ohne zu verderben. Die wenigen heißen Quellen nördlich der Alpen wurden für (Heil-)Thermen und zur Beheizung vornehmer Landvillen genutzt, so wie man es von den so zahlreichen Thermalquellen auf dem Apennin kannte. Wegen ihres hohen Bedarfs trieben die Römer das Bohren von Brunnen voran, das schon lange bekannt war, in vor- und nachrömischer Zeit aber wenig praktiziert wurde. In den meisten Gegenden Mitteleuropas gab es ausreichend zuverlässige Quellen, von deren Bedeutung noch abertausende Orts- und Flurnamen in allen Sprachräumen zeugen. In Deutschland haben sie sich in Wortteilen wie „-born“, „-bronn“, „-brunn“ oder „-spring“ erhalten.

Mit dem Ausbau von Trinkwassernetzen und dem Einsatz elektrischer Pumpen ab dem 19. Jahrhundert haben die Armaturen in unseren Gebäuden die Funktion der Quellen und Brunnen übernommen. Sie versorgen uns jederzeit mühelos mit Wasser in beliebiger Menge und Temperatur. Diese selbstverständliche Verfügbarkeit hat unsere Wertschätzung gemindert - Wasser hat im individuellen wie gesellschaftlichen Bewusstsein seinen vormals zentralen Stellenwert eingebüßt. Unsere Brunnen verdeutlichen das besonders eindrucksvoll. Früher wusste jedes Kind, wo deren Wasser herstammt: aus einer Quelle, von der man trinken konnte, von Bächen oder Zisternen, nur als Viehtränke oder Brauchwasser geeignet. Heute erfahren wir, wer welchen Brunnen wann zu welchem Anlass in welchem Stil und aus welchem Material gebaut hat, wem er vielleicht gewidmet ist. Woher aber das Wasser stammt, weiß außer den örtlichen Wasserwerkern keiner mehr - es ist zur unreflektierten Nebensache geworden. Erst wenn Fluten ganze Landstriche verwüsten, wenn Lebensmittelpreise als Folge von Trockenheit steigen oder das Waschen von Autos verboten wird, rückt Wasser wieder ins öffentliche Bewusstsein. 

Wer sich heute für Quellen und ihre systematische Erfassung interessiert, stößt auf viele Hindernisse: ihre enorme Zahl, ihre Lage in oft unwegsamem Gelände oder auf privatem Grund, das fehlende Interesse von Wald- und Grundbesitzern, ihre Quellen bekannt oder gar zugänglich zu machen. Gesteinsbewegungen, Rutschungen, Erosion und nicht zuletzt der Klimawandel führen überdies zu einem ständigen Wandel. Quellen versiegen zeitweise oder auch vollständig, an anderen Orten entstehen neue. Das unterirdische Land, aus dem ihr Wasser stammt, ist noch immer voller Geheimnisse.

 

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